soziale Selektion

Eine Anmerkung zum Begriff und zur Geschichte

Selektion heißt „Aussiebung“. Der Begriff ist mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, mit der Rampe von Auschwitz verbunden. Warum sprechen wir von „sozialer Selektion“? Es stellt sich die Frage, ob es sich nicht verbietet, den Begriff weiterhin zu benutzen. Der Begriff verböte sich, wenn er als Vergleich gemeint wäre. Der Begriff „Selektion“ wäre auch unsensibel gewählt, wenn er unreflektiert benutzt würde, als hätte Auschwitz nicht stattgefunden.

Der Begriff „soziale Selektion“ wird genutzt, um eine Kontinuität eines Denkens zu dokumentieren, welches in seiner brutalsten Form zu Auschwitz führte. An der Rampe von Auschwitz war Josef Mengele als KZ-“Arzt“ eingesetzt, der dort die Selektion betrieb und zahlreiche Kinder quälte und ermordete. Mengele schrieb seine Doktorarbeit beim führenden Rassenhygieniker der Nazi-Zeit Otmar von Verschuer. Und er arbeitete mit dem Institut von Verschuer in Dahlem zusammen, welches Körperteile aus Auschwitz von ihm anforderte.

Selektiert wurde nicht nur in Auschwitz. Es gab mehrere Hunderttausend Zwangssterilisierungen an Jugendlichen und Kindern, die zu diesem Zweck ebenfalls zuvor ausselektiert wurden. Im Nazi-Bildungsgesetz wurde entsprechend der Begriff „Bildungsunfähigkeit“ eingeführt. Otmar von Verschuer baute in Münster nach dem Zweiten Weltkrieg mit Unterstützung des Atomministeriums das erste Humangenetische Institut auf, wo er verschiedene Rassenhygieniker um sich scharte. Er wurde in der Bundesrepublik Dekan der Uniklinik Münster — wie eine Reihe
weiterer Rassenhygieniker, die aktiv an der massenweisen Zwangssterilisation von Arbeiterkindern beteiligt waren. Und er war Gründungsmitglied der neu gegründeten internationalen rassenhygienischen Zeitschrift „Mankind Quarterly“. „Mankind Quarterly“ versucht zu beweisen, dass Intelligenz gruppenspezifisch vererbt wird, dass Schwarze und Kinder von Arbeiter*innen genetisch bedingt über geringere Intelligenz verfügen als Weiße und Kinder von Akademiker*innen.

Die mit der angeblichen Vererbung von Intelligenz einhergehende Begabungsideologie ist die Grundlage für die heutige Selektion. Rassenhygieniker wie Karl Valentin Müller wurden nach dem Krieg gebeten, auf Grundlagen eigener Forschungen ein Schulsystem zu empfehlen. Gegen die Direktive 59 des Alliierten Kontrollrat, der den Gemeinschaftsunterricht ohne Selektionen empfahl, kamen die „Studien“ des Rassenhygienikers Müller zu dem Schluss, dass es verschiedene „Begabungstypen“ gebe, die entsprechend ihrer Begabung in verschiedene Schulformen möglichst früh getrennt – selektiert – werden müssten. Bis in die 1960er Jahre war Müller gern gesehener Redner bei den Philologenkongressen der Gymnasiallehrer.

Aktuell wurde mit einer Millionenauflage die Ideologie von Mankind Quarterly in Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ und deren Selektionsideologie verbreitet. Auch Sarrazin spricht offen davon, dass sich Bildung gruppenbezogen vererbe und dass es bildungsfähige Kinder gebe. Nicht um eine Analogie mit Auschwitz herzustellen, sondern um aufzuzeigen, wohin schon einmal das Selektionsdenken führte, und um Kontinuitäten aufzuzeigen, ist es wichtig, von „Sozialer Selektion“ zu sprechen.

Wie sieht die soziale Selektion in Deutschland aus?

Betrachten wir die soziale Selektion im weiteren Sinne als Segregation, Marginalisierung, Ausgrenzung oder Distanzierung, dann liegt diese nicht nur im Bildungsbereich vor. Bekanntes Beispiel für Segregation ist die „Gentrifizierung“ von Stadtteilen. Gewachsene Strukturen von finanziell schwächeren Menschen werden okkupiert durch gut verdienende Milieus, die Armen werden an den Rand gedrängt. Die Segregation in den Städten geht mit der sozialen Selektion in Bildungssystemen einher. Die beiden Hauptschulen in Münster befinden sich in Coerde und Kinderhaus – sogenannten „Problemvierteln“, in der Innenstadt finden sich hingegen ein Dutzend Gymnasien.

In den Zügen wird nach erster und zweiter Klasse segregiert, als gäbe es keine sinnvolleren Aufteilungen. Und auch das Gesundheitssystem sieht ein Zweiklassensystem vor: gesetzliche und private Krankenkassen. In Arbeitsämtern wird segregiert und selbst die Familienpolitik ist seit einigen Jahren segregativ. Die nachhaltige (ein Begriff aus der Forstwirtschaft) Familienpolitik hat die sozialkompensatorische Familienpolitik abgelöst. Es geht nicht mehr darum ärmere Familien zu unterstützen, damit deren Kinder einigermaßen gleiche Startchance haben, sondern im Gegenteil, es werde gezielt gut verdienende Familie gefördert mit bis zu 1.800 Euro monatlich, während arbeitslose Familien gar kein Elterngeld mehr erhalten.

Wie in der Forstwirtschaft sollen die ertragreichen Gewächse gepflegt und gedüngt, das Unkraut hingegen gerupft werden. Wie Thilo Sarrazin einst sagte: „Das Problem der Unterschicht muss sich auswachsen.“ Arbeitslose Eltern oder Alleinerziehende erhalten übrigens auch kein Kindergeld und kein Betreuungsgeld, genau wie der Sockelbetrag des Elterngeldes (300,- Euro monatl.) werden diese Transferleistungen mit dem Arbeitslosengeld II „verrechnet“ — das heißt: Es kommt nichts bei den Familien an.

Zweck dieser ganzen Selektionen ist schließlich die Selektion am Arbeitsmarkt: Wer bekommt die interessanten, angenehmen, anerkannten und gutbezahlten Jobs und wer bekommt die stupiden, unangenehmen, verachteten und schlechtbezahlten Jobs? In Deutschland ist nicht nur die soziale Selektion im Bildungssystem größer als in anderen Staaten, sondern die Abhängigkeit eines guten Jobs von einem guten Bildungsabschluss
ist in Deutschland am größten. Beide Faktoren multiplizieren sich. Eine UN-Studie zu Benachteiligungen in reichen Staaten titelte daher zur Situation in Deutschland: „Germany – Children sorted for a life.“