12.03: Wirtschaftswachstum und wachsende Ungleichheit

Vortrag und Diskussion

12.03.2015 / 19:00

ES 24 ( Johannisstraße 12–20)

Einkommensungleichheit beeinträchtigt das Wirtschaftswachstum”, so lautet der Befund der OECD- Studie 2014. Für diese Organisation, deren selbsterklärtes Ziel eine “eine bessere Politik für ein besseres Leben” ist, kommen die unteren Gesellschaftsschichten nur als Wachstumsbremse in den Blick. Ein Anlass, sich mal mit der Frage zu befassen, was es eigentlich mit diesem Wirtschaftswachstum auf sich hat, das so einen hohen Wert genießt:
Wachstum muss sein, Wachstumsstillstand gilt als eine mittlere Katastrophe, sinkende Wachstumsraten sind endgültig der Gau für eine Nationalökonomie. Darin sind sich die Wirtschaftspolitiker heute ebenso einig wie in ihrem Credo: Komme was da Wolle, das Wachstum muss wieder angestoßen werden! Die Wachstumsrate muss nach oben!
‚Wirtschaftswachstum’, das ist der Erfolgsmaßstab allen Wirtschaftens. In seinen Dienst stellen sich die Politikermannschaften aller Marktwirtschaften und verabschieden zurzeit ‚Konjunkturprogramme’ im zwei bis dreistelligen Milliardenbereich — nur damit das Minus-Wachstum gebremst und ein Plus-Wachstum initiiert wird.

Offensichtlich gilt hierzulande der Irrsinn, dass die
Wirtschaft nicht produziert, was gebraucht wird, sondern dass sie immer mehr „Erträge“ zu bringen hat als im Vorjahr. Alles, was übers Jahr gearbeitet, hergestellt
und verkauft wird, verfehlt sein eigentliches Ziel, wenn
“die wirtschaftliche Aktivität” dabei nicht steigt. Dabei kann und muss auch niemand so recht sagen, was eigentlich fehlt und was immer mehr werden sollte. Ob wirklich Bedarf nach mehr Autos, Handys, Waschmaschinen besteht, ist sehr zweifelhaft. Und dennoch müssen auch diese Branchen immer weiter wachsen. Es geht beim Imperativ ‚Wachstum’ offenkundig nicht um einen bestimmten Mangel
und seine gezielte Überwindung. Es lässt sich – einerseits – sogar umgekehrt feststellen, dass ‚die Wirtschaft’ gerade dann Wachstumsprobleme bekommt, wenn Güter im Überfluss geschaffen worden sind, es von ihnen mehr gibt, als sich verkaufen lässt. Autohalden, rote Zahlen und Insolvenzen in der Autoindustrie legen davon Zeugnis ab.

Was bedeutet es für die Menschen, die für das Wachstum herhalten sollen? Es gibt für sie eine ganze Reihe von Bedürfnissen, denen mit einem “Mehr” geholfen wäre: Mehr Investitionen in Bildung, mehr erschwinglicher Wohnraum, mehr kostenlose Kindergartenplätze, mehr bessere und billigere Pflege in Krankenhäusern und Altenheimen bräuchte es sehr wohl – und wachsende Löhne, Arbeitslosengelder und Renten würden ihnen auch entgegen kommen: Diese “Güter” müssten dringend
vermehrt „produziert“ werden, diese „Sektoren“ müssten zulegen. Aber sie dürfen nicht einfach so wachsen: Denn ausgerechnet das, was dort an Bedarf gestillt wird, zählt nicht zu dem Wachstum, auf das es in der Marktwirtschaft ankommt, sondern geht auf seine Kosten.
So einfach ist es also nicht mit dem absurden Imperativ:
‚Immer mehr Wachstum muss sein!’ Es lohnt sich deshalb einmal der Frage nachzugehen, was eigentlich die Sache ist, die immerzu wachsen soll; und für die wir alle — laut Merkel unseren Gürtel enger schnallen sollen, damit es dann wieder aufwärts geht.
Womit?
Mit „unserem“ Lebensstandard?
Nein, mit den Wachstumsraten!

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